Ob in der Antike, der Neuzeit, der letzten Jahrhunderte, der Gegenwart (ab morgen auch schon Vergangenheit und Geschichte). Überlieferungen, Forschungen, Wissenschaft und Kunst sind Zeitzeugen. Dokumente, Fossilien, Museen, Tonträger, Gebäude oder Monumente. Die Reise wird sehr interessant werden.
Der Beginn der Geschichte ist was Besonderes.
Es ist ein Besuch in die Bronzezeit. Also die Zeit Jahrtausende vor Christi Geburt. Eine Zeit, wo Metallgegenstände vorwiegend aus Bronze hergestellt wurden.
Nebst der Bronzezeit gab es noch die Steinzeit, Eisenzeit, Kupferzeit.
Diese Epochen gab es in Europa und Naher Osten genau so wie in Zentralasien, Südostasien, Afrika und Amerika.
Ein Besuch in der Bronzezeit
Die Himmelsscheibe von Nebra
(c) upload.wikimedia.org
Vorgeschichte:
Beim Stöbern im Internet fand ich vor ein paar Jahren eine Wanduhr, die mich sofort faszinierte: rund, in blau gehalten mit goldfarbigen Verziehrungen in Form von Sternen, runden und sichelförmigen Figuren. Mit der Bezeichnung „Himmelsscheibe von Nebra“ konnte ich wenig anfangen. Ich erwarb die Uhr und war ob ihrer Schönheit überrascht, als sie per Post geliefert wurde. Erst beim Durchlesen des beigefügten Textes wurde mir klar, welch interessante Bedeutung die Symbole haben. Im anschließenden Text will ich darüber Auskunft geben.
Ausstellung:
Einige Monate nach dem Kauf der Wanduhr fand ich in den Medien einen Ausstellungshinweis des Kunsthistorischen Museums Wien mit dem Titel der Himmelsscheibe. Neugierig geworden durch den Beilagetext haben wir die Schau besucht und waren nicht nur fasziniert sondern geradezu in den Bann gezogen.
Folgendes Bild zeigt, wie die Ausstellung die Scheibe projezierte:
(c)
www.lima.diplo.de Deutsche Botschaft Lima
Neben dem äußerst beeindruckenden Anblick der Originalscheibe wurden eine Reihe von Exponaten aus der Bronzezeit gezeigt: Waffen, Schmuck, Werkzeuge, Gegenstände des täglichen Gebrauchs waren in Vielzahl zu sehen. Ebenso alte Schriftzeichen mit Erklärung zu Entwicklung und Bedeutung.
Die Ausstellung war nicht nur umfangreich und komplex sondern sehr informativ gestaltet. Der Anblick der Himmelsscheibe war für uns beinahe magisch und hat uns gedanklich in die Zeit ihrer Entstehung geführt – Ein Erlebnis der besonderen Art!
Leider sind die von mir gefertigten Fotos durch einen Totalabsturz meiner EDV-Anlage verloren gegangen, sodass ich sie diesem Bericht nicht anfügen kann. Doch behalten wir die Bilder und Eindrücke der Ausstellung in unserer Erinnerung, die durch den Blick auf die Wanduhr im Schlafzimmer stets wach gehalten werden. Bilder, welche eingefügt sind, stammen nicht von mir und wird auf das Copyright des Autors verwiesen.
© Juraj Lipták, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Beschreibung und Restaurierung der Himmelsscheibe:
Die Scheibe ist eine Metallplatte aus der Bronzezeit, die mit Goldapplikationen (offenbar astronomische Phänomene) in Form von kleinen und größeren Plättchen sowie sichelförmigen Darstellungen versehen ist.
Sie misst 32 cm im Durchmesser, ist 2 kg schwer und besteht aus Bronze (einer Legierung aus Kupfer und Zinn). Der Kupferanteil stammt vom Mitterberg bei Bischofshofen im österreichischen Bundesland Salzburg. Typisch für die Bronzezeit ist einerseits der relativ hohe Gehalt von Arsen (0,2 %), andererseits der geringe Zinnanteil (2,5 %).
Die Applikationen wurden mittels Einlegetechnik gefertigt und bestehen aus unlegiertem Goldblech.
Die Scheibe wurde von mehreren Experten eingehend untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass ihr Herstellungsdatum auf die Zeit 1700 bis 2100 v.Ch. geschätzt werden kann. Dies auch aufgrund von mehreren Beifunden wie Bronzeschwerter, zwei Beile, ein Meißel und Bruchstücke von Armreifen. Ebenso konnte erkannt werden, dass die Scheibe im Laufe der Jahre mehrfach ergänzt und verändert wurde.
Vergraben dürfte sie letztlich um 1600 v.Ch. worden sein. Dabei fehlte bereits einer der Horizontbögen und war sie mit gestanzten Löchern am Rand versehen.
Durch unsachgemäße Behandlung beim Fund im Jahr 1999 (Fundort siehe bei der entsprechenden Textstelle) wurde sie teilweise beschädigt. Die lange Lagerung im Erdreich bewirkte, dass sie stark korrodiert war.
Restaurierungsversuche durch den ersten Hehler durch Einweichen in Seifenlauge und Behandlung mit Bürsten waren wirkungslos, hinterließen jedoch nur wenig Spuren.
Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/DE wurden die Anhaftungen abgenommen und untersucht. Ebenso wurden die Goldapplikationen fachgemäß gereinigt. Ein abgeschlagener Stern, der neben der Scheibe gefunden wurde, konnte wieder appliziert werden. Der herausgerissene Teil einer Scheibe (der des Vollmondes) konnte durch ein neu angefertigtes Goldstück gleicher Zusammensetzung ergänzt werden. (siehe Foto mit fehlendem Teil im Mond)
Das so wiederhergestellte Prunkstück konnten wir in der Ausstellung bestaunen.
Wie erwähnt, wurde der Fund von mehreren namhaften Experten eingehend untersucht. Dabei wurde nicht nur ihre Herstellungsart und die verwendeten Materialien sondern auch ihre Bedeutung in Augenschein genommen.
Dabei gewannen die Herren folgende Erkenntnisse:
o Die kleinen Plättchen stellen Sterne dar, die einzeln sowie in einer 7er-Gruppe (vermutlich der Sternhaufen der Plejaden/zum Sternbild des Stieres gehörend) platziert sind. Die 25 einzelnen Sterne sind astronomisch nicht zuzuordnen. Die große Scheibe wird als Vollmond, die Sichel als zunehmender Mond interpretiert. Interessant ist, dass die Abbildung des zunehmenden Mondes zusammen mit den Plejaden in der Bronzezeit den 10. März, die der Plejaden mit dem Vollmond den 17. Oktober markierte. Dies jeweils am Westhimmel kurz vor Untergang des Siebengestirns. Als Erklärung dafür könnte die Bedeutung als Hilfe für die Bauern dienen. So könnte sie an das bäuerliche Jahr von der Vorbereitung des Ackers bis zum Ernteabschluss erinnern.
(Plejaden: Auszug aus Wikipedia >
Die Plejaden, auch Atlantiden oder Atlantiaden, sind ein offener Sternhaufen, der mit bloßem Auge gesehen werden kann. Deutsche Namen der Plejaden sind Siebengestirn.)
(c) www.sieland-online.de (c) home.arcor.de
o Die seitlichen Horizontbögen (nur mehr der rechte ist vorhanden) stellen vermutlich einen Zusammenhang zwischen Sonnenauf- und –untergang sowie zwischen Winter- und Sommersonnenwende her, dies unter Berücksichtigung des Breitengrades des Fundortes.
Ein Experiment zeigte, dass bei einer bestimmten Position die Scheibe als Kalender zur Verfolgung des Sonnenjahres genutzt werden konnte.
o Als offenbar letzte Ergänzung der Scheibe wurde ein Goldbogen am unteren Ende der Scheibe appliziert, welcher durch seine Längsrillen den Hinweis auf eine Sonnenbarke gibt, wie man sie aus ägyptischen oder minoischen Abbildungen her kennt.
(Sonnenbarke: Auszug aus Wikipedia >
Unter dem Begriff Barke (altägyptisch Wia) versteht man ein mastloses Boot. Im Alten Ägypten spielten Barken für die Nilschifffahrt eine große Rolle und besaßen auch kultische und kulturelle Bedeutung.)
Foto zeigt im Detail aus der Scheibe die Barke:
- . (c) www.lda-lsa.de
Fundort:
Die Himmelsscheibe wurde in einer Steinkammer auf dem Mittelberg nahe der heutigen Kleinstadt Nebra im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt gefunden. Die Steinkammer liegt innerhalb einer älteren, ringförmigen Wallanlage auf dem Gipfel des 252 Meter hohen Mittelbergs. Die laufende Erforschung dieses Gebietes soll Klarheit darüber bringen, ob es sich um einen Hort oder um ein Grab handelt. Überlegt wird, ob der ehemals vermutlich unbewaldete Berg bereits in der Jungsteinzeit genutzt worden ist.
Interessant ist, dass in einer Entfernung von etwa 20 Kilometern das ebenfalls runde, auf etwa 5000 v.Ch. datierte Sonnenobservatorium von Goseck als archäologischer Fund gewertet werden kann. Es belegt astronomische Kenntnisse schon aus weit älterer Zeit als der der Himmelsscheibe von Nebra.
(Sonnenobservatorium von Goseck: Auszug aus Wikipedia >
Erste Spuren menschlicher Besiedlung reichen in die Jungsteinzeit um 5000 v. Chr. Zeugnis davon legt das durch Luftbilder in den 1990er Jahren entdeckte und seit 2003 frei gelegte älteste Sonnenobservatorium Europas ab.)
Fundgeschichte:
Entdeckt wurde die Himmelsscheibe 1999 von zwei Grabräubern, die sie zunächst für einen Eimerdeckel hielten. Für den Kunsthandel war das Objekt jedoch wertlos, weil sich herumsprach, dass es rechtmäßig dem Land Sachsen-Anhalt gehörte. Dennoch wechselte es bis 2001 mehrfach den Besitzer (beim Erstverkauf um DM 32.000,--, heute ca. € 16.000,--).
Der folgende Weg der Scheibe könnte aus einem guten Fernsehkrimi stammen:
Das Kultus- und Innenministerium sowie das Landesamt für Archäologie von Sachsen-Anhalt nahmen Kontakt zu den Hehlern auf. Diese hatten die Scheibe auf dem Schwarzmarkt um DM 700.000,-- (ca. € 350.000,--) angeboten. Der Landesarchäologe traf sich sodann als vermeintlicher Kaufinteressent mit ihnen in einem Basler Hotel (Schweiz). Die schweizerische Polizei konnte die Himmelsscheibe sicher stellen und die Hehler (eine Museumspädagogin und ein Lehrer) verhaften. Die Beifunde wurden ebenfalls gesichert. Ebenso gelang es, die Grabräuber zu fassen, die Angaben zum Fundort machten. Die folgenden Untersuchungen bestätigten diese und konnten die Täter 2003 verurteilt werden.
Seit 2001 befassen sich namhafte Wissenschaftler mit der Himmelsscheibe von Nebra. Hauptsächlich waren das der Archäologe Harald Meller (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle), der Astronom Wolfhard Schlosser (Ruhr-Universität Bochum), der Archäochemiker Ernst Pernicka (Archäometallurgie) und Heinrich Wunderlich (Herstellungstechnik, Herstellungsabfolge).
Es lohnt sich, in einschlägigen Lexika über die Himmelsscheibe von Nebra nachzublättern. Ebenso sind natürlich die Zeit ihrer Entstehung, das Leben der Menschen damals sowie die Kultur und Religion interessant. – Viel Spass beim Stöbern!
Links zu Infos über die Himmelsscheibe:
www.nebra.net/