Geschichten und Legenden der Leute von damals bis in die Jetztzeit.
Legende 1
Erich der Wehrhafte und Ferdinand als sein treuer Begleiter –
Eine Reise nach Aggstein
Erich stammte aus einem edlen Geschlecht des deutschen Rittertums und wurde Ende des 14. Jahrhunderts im Frankenland geboren. Als letzter Sohn seines Vaters war ihm die Aussicht auf die Erbfolge verwehrt. Zwar konnte er alle Rechte der Ausbildung genießen – sei es die weltliche, die religiöse als auch die militärische – doch sah er bald ein, dass er seine Interessen nur außerhalb des väterlichen Landes finden konnte.
Er verabschiedete sich standesgemäß von seiner Familie und nahm Ferdinand als einen Begleiter mit auf seine Reise. Ferdinand, der Sohn einer ehemals adeligen Familie, die durch widrige Umstände ins Bürgertum geriet, war stets dem Herrscherhaus sehr nahestehend. Seine Ausbildung war untadelig und so bewarb er sich als Knappe am Hofe.
Erich lernte ihn kennen und fand seinen Gefallen an dem einfachen und ehrlichen Mann. Ferdinand erkannte schon früh seine Zuneigung zum Gesang und an der Gedichtkunst. Dies gefiel Erich so sehr, dass er Ferdinand als seinen Knappen benannte und mit ihm den heimischen Hof verließ.
Die beiden hatten reichlich Zeit, sich kennen zu lernen und auch voneinander zu lernen. Der eine hoch wohlgeboren, der andere aus bodenständiger Herkunft. Oftmals machten sie den Jux, bei der Einkehr im Gasthof die Rollen zu tauschen. Doch jedes Mal versagte des edlen Herren die Stimme, als er als Sänger sein Bestes geben sollte.
Ihr Einkommen fanden sie stets in Gutshöfen und Burgen. Auf ihrem Streifzug kamen sie auch ins Donauland und damit in die Wachau. Wohl wissend, dass hier nicht alles Wonne und Eitelkeit war, so wie es die Landschaft versprach, zogen sie donauabwärts.
Schiffe, voll beladen mit Waren, sahen sie auf ihrer Reise. Burgen hoch oben auf den Felsen gewahrten sie ebenso. Doch all das ließ sie nicht zaghaft werden in ihrem Wege und so gelangten sie an die Häscher der Kuenringer. Diese waren damals die Burgherren von Aggstein und als unerbittliche Herren der Donau bekannt. Nicht nur, dass sie alle Schiffe auf der Donau mit unerbittlicher Maut belegten, auch alle Reisenden wurden nach Strich und Faden ausgeraubt.
Obwohl Erich und sein Begleiter Ferdinand gewarnt wurden, konnten sie den Häschern der Kuenringer nicht entrinnen. Sie wurden im Morgengrauen überwältigt und auf Aggstein verschleppt. Letztlich ein Trick bewahrte Ferdinand davor, sofort im Kerker zu landen – er gab seine Kunst als Minnesänger preis. Erich verleugnete, diesen dahergelaufenen Bürger zu kennen und rettete Ferdinand vor dem Schicksal der Haft.
Erichs Weg war abzusehen. Nachdem er in der Erbfolge nicht relevant erschien, auch sonst keine besonderen Tauglichkeiten aufweisen konnte, entschied der Hausherr, ihn nach kurzem Prozess auf das „Rosengärtlein“ zu verbannen. Erich erwartete mit diesem Urteil auf ein Ausgedinge zu gelangen, das ihm einen schönen Lebensabend bescheren würde. Doch sollte er bald eines Besseren belehrt werden. So schön und romantisch sich dieses Fleckchen Erde auch erwies, so unbarmherzig sollte es werden.
Der einzige Weg zurück aus dem Gefängnis schien der zu sein, die Tochter des Herrschers als seine Gattin zu gewinnen. Doch, wie sollte der Gefangene dies jemals erreichen können? Auf einem einsamen Felsen außerhalb der Burg sollte es kaum möglich sein, sich den Mitstreitern entgegen zu stellen.
In all der Zeit des Ungemach war Ferdinand, der treue Begleiter von Erich, nicht untätig. Er machte sich am Hof nützlich, werkte beim Schmied und beim Bäcker und unterhielt die Hofgesellschaft mit seinen Gesängen. Daneben erkundete er stets, was gerade aktuell war und so konnte er auch in Erfahrung bringen, dass der Schlossherr einen Gemahl für seine Tochter suchte.
Erich konnte zwar die missliche Lage seines Herren nicht ändern, doch konnte er dafür sorgen, dass ihm redlich Brot und Wasser gereicht wurde. Auch erwirkte er, dass dieser über seine Pläne informiert wurde.
Am Tag der Freierwahl war nun die Stunde des Ferdinand gekommen. Er bestach die Wärter des Rosengärtleins, konnte eine Anzahl von Pferden auftreiben und in der Stunde des Aufmarsches der wohl geborenen Herren überrumpelte er die Wachen, die aufgrund des bevorstehenden Festes ohnehin nicht sonderlich dienstbeflissen waren.
Erich der Wehrhafte konnte im Gefolge von Ferdinand und einigen treuen Gesellen den Hof von Aggstein verlassen und seine Heimreise nach Norden antreten.
In vielen Gesängen hat Ferdinand seine Erlebnisse niedergeschrieben und allerorts den Menschen nahe gebracht. Ob er sowie sein Herr Eingang in die Geschichte gefunden haben, ist leider nicht bekannt.
 |